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Ja, moment einmal, Poesie ist ja nichts Angenehmes. Poesie ist nicht etwas, was gut tut. Je bedrohlicher und abgründiger etwas ist, um so stärker kommt es hervor. Also ich verstehe unter Poesie nichts angenehmes, und nicht etwas, was einem das Leben leichter macht. Es gibt auch kaum einen Aberglauben, der einen tröstet. Die Eule auf dem Dach heißt, daß jemand stirbt. Es gibt zu bedrohlichen Dingen, zu schlimmen Dingen Aberglauben, nicht zum Glück, das man im Leben hat. Fast immer nur zu den Dingen, die schmerzlich sind. Zum verlieren. Wenn man als verlierer dasteht, dazu gibt es ein Bild im Aberglauben, nicht zu den Dingen, die einem gelingen. Natürlich hat dieses Dorf seine Existenzberechtigung wie jedes andere auch. Es gibt keinen Ort, der nicht, so wie du sagst, antiidyllisch ist. Jeder Ort, jede Umgebung ist dazu in der Lage, einen einzelnen Menschen kaputt zu machen. Überall auf der Welt. In Diktaturen wird es noch einmal verstärkt, weil der Staat noch einen draufsetzt. Darum sind ja Diktaturen so furchtbar. Mir ist das Dorf nicht
verhaßter und nicht lieber, als andere Orte auch. Für mich ist es einfach der Ort meiner Kindheit.
wm: Du sagtest, Poesie wäre nie angenehm. Sie ist aber auch schön.
hm: Aber schön ist keine Kategorie von angenehm. Es gibt einen Satz von Christa Wolf, den ich mir gemerkt habe: Ich glaube in dem Sommerstück ist der: “Wir begannen gewahr zu werden, welchen Preis der zahlt, der auf Schönheit angewiesen ist: er ist dem gräßlichen ausgeliefert.” Schön ist eines der
Verlegenheitswörter, die wir zu allen möglichen Dingen sagen. Wenn ein Film schön ist, heißt das nicht, daß das Geschehen des Filmes angenehm ist. Er ist schön, weil er uns überzeugt, weil wir uns das vorstellen können, weil wir mitgehen und weil es sich auf uns selbst auch überträgt. In der Kunst ist schönheit das, was unter die Oberfläche der Sache geht und was nicht täuscht, was uns nicht verheimlicht, wie kompliziert es ist und uns zeigt, wie unsicher und abgründig, auch wie unerträglich die Dinge sind. Schön ist das Gegenteil von flach. Schön und häßlich ist das gleiche, ästhetisch gesehen.

“Poesie ist ja nichts Angenehmes”: Gespräch mit Herta Müller Wolfgang Müller and Herta Müller, Monatshefte Vol. 89, No. 4

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